Archive for the ‘Veranstaltungsberichte’ Category

Nie bequem werden

Februar 4, 2012

SZ-Onlinechef spricht über seine Lehren aus der Medienrevolution.

Journalisten lieben Revolutionen – solange sie nicht selbst ein Teil davon sind. Falls doch, dann hassen sie die Revolution. Das hat Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de, festgestellt. Es ist der Ausgangspunkt für seine Lehren aus der Medienrevolution, über die er auf der Mitgliederversammlung der Fachgruppe Junge Journalisten diskutierte.

Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de

Anstatt Unbehagen über den Wandel in den Medienbranche fordert er Neugier. Plöchinger meint, Journalisten müssten mehr Offenheit zeigen. Zum einen gegenüber den neuen journalistischen Möglichkeiten im Internet. Aber auch gegenüber dem Leser, der nicht mehr ignoriert werden könne und viel näher an die Journalisten und Verlage rücke. Die Anforderungen steigen, sagt Plöchinger. Um dem gerecht zu werden, brauche es Medienprofis und exzellente journalistische Angebote. Von schlechten Angeboten werde niemand mehr leben können. Deshalb sei es wichtiger denn je, Qualität zu liefern. Die Medienrevolution zeige, dass es nicht reicht, das Niveau zu halten. Stefan Plöchinger sagt es so: nie bequem werden.

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Ein Reporter liebt die Menschen

Januar 15, 2012

Um eine gute Geschichte zu schreiben, muss man die Menschen lieben. Das sagt SZ-Reporter Holger Gertz über die Reportage. Gut 150 Studierende der Universität München hörten bei der Veranstaltung der Fachgruppe Junge zu.

„Es schadet nicht, ein Leben zu haben“, sagt er. Das Gespräch hat gerade erst angefangen und schon jetzt wird klar: von Holger Gertz wird es heute keine Schreibwerkstatt geben, keine Anleitung zum Handwerk. Trotzdem erzählt er den Studierenden der Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München etwas Grundlegendes über die Reportage. Holger Gertz vermittelt eine Haltung.

Holger Gertz im Gespräch mit Pauline Tillmann

Die Fachgruppe Junge hat zum dritten Mal an einer bayerischen Universität zum Gespräch mit einem Medienprofi geladen, um den Studierenden ein journalistisches Thema näher zu bringen. In München diskutierte Pauline Tillmann mit Holger Gertz, der bei der Süddeutschen Zeitung als Reporter für die Seite 3 arbeitet.

Was Gertz mit seinem Tipp, ein Leben zu haben, meint: Man muss Menschen und Situationen einordnen können, Andeutungen und Stimmungen verstehen. Dazu braucht es eigenes Erleben. „Und man muss die Leute lieben, sie verstehen, nicht richten.“ Das heiße nicht, unkritisch zu sein. Aber es gebe im Journalismus die Haltung, alles schon vorher und immer besser zu wissen. Für Holger Gertz ist das eine falsche Einstellung. „Ein guter Reporter versucht immer herauszufinden: warum macht diese Person das?“

Bevor der Reporter losgeht, sollte er sich aber zunächst noch zwei andere Fragen stellen: Warum diese Geschichte? Und warum gerade jetzt? Denn erst, wenn beides feststeht, könne aus einem „Text über…“ eine Geschichte werden.

Der Hörsaal an der Universität München war bei der Diskussion mit Holger Gertz bis zum letzten Platz besetzt

Die Studierenden fragen auch, wie der Medienwandel den Beruf des Reporters verändere. Er werde schwieriger, antwortet Gertz. Gründliche Recherche vor Ort müsse aber weiterhin möglich sein. Bei allem Druck und Mangel dürfe hier trotzdem nicht gespart werden.

Zum Schluss ging es dann wieder um Haltung. Diesmal um die des Publikums. „Die Leser wollen nicht nur die Befeuerung mich Nachrichten“, meint Holger Gertz. Die Reportage werde auch im Internet überleben, weil sie einen Zugang biete, den man auch nicht in Videos bekommen. „Und Eine gute Geschichte verändert den Leser sogar.“

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Recherche Online und Offline: wie sie besser gelingt.

Juni 21, 2011

Recherche ist der Ursprung jedes journalistischen Beitrags. Weil dabei aber immer wieder Probleme und Hindernisse auftauchen, bot die Fachgruppe Junge ihren Mitgliedern ein Rechercheseminar an. Zwei Experten verrieten, wie man am besten an Informationen gelangt.

Journalisten finden gerne heraus, was andere geheim halten wollen. Klaus Ott kann das. Er bildet mit zwei Kollegen das Ressort Investigative Recherche bei der Süddeutschen Zeitung. Mehrfach ist es ihm gelungen, zum Beispiel Fälle von Wirtschaftskriminalität zu enthüllen. Wie er dabei vorgegangen ist, erklärte Klaus Ott den 15 Teilnehmern im ersten Teil des eintägigen Rechercheseminars der Fachgruppe Junge im PresseClub München. Vor allem ging er jedoch auf Fragen ein und beschrieb, worauf es bei guter Recherche ankommt. Zunächst müssen gute Ansprechpartner gefunden werden. „Wenn man einen Hinweis hat“, sagt Klaus Ott, „überlegt man, wer Interesse daran haben könnte, dass etwas offen gelegt wird.“ Wichtig seien Kontakte in der Justiz und bei Ermittlungsbehörden. „Am Ende erkundige ich mich bei jedem Gesprächspartner, wen ich noch fragen könnte.“

„Der Quellenschutz ist absolut“: SZ-Journalist Klaus Ott.

Schwierig sei es oft, zu Informanten Vertrauen aufzubauen. Dazu müsse zum einen absoluten Quellenschutz zusichern. Zum anderen könne es helfen, dem Informanten Arbeitsproben zu geben. Vor allem sei aber die Ansprache wichtig. „Man muss dem Informanten sagen, dass das Gespräch dazu dient, die Sache besser zu verstehen und einzuordnen“, sagt Ott. „Ich erkläre meist, dass ich noch andere Gespräche führe und dieses hier zur Abrundung dient.“ Die Teilnehmer fragten auch nach dem Umgang mit Pressestellen. „Man sollte Pressesprecher immer mit dem Ergebnis der Recherche konfrontieren“, sagt Klaus Ott. So gehe man sicher, dass nichts fehlt und gebe dem Gegenüber die faire Möglichkeit, sich zu äußern.

Im zweiten Teil des Seminars ging es um Online-Recherche. Thomas Pfeiffer, freier Autor und Medienpädagoge, stellte Strategien vor, die bei der Suche im Internet schnell und präzise zum Ziel führen. Zunächst zeigte er, wie man Suchmaschinen optimal nutzt. Um möglichst passende Treffer im Web zu finden, dürfe man keine Fragen stellen. „Man muss“, sagt Pfeiffer, „immer mögliche Teile der Antwort vorwegnehmen.“ Wenn man das Dateiformat einschränke oder einen Zeitraum für die gewollten Ergebnisse festlege, werde die Suche noch genauer. Außerdem bieten Suchmaschinen noch andere Funktionen. Um Trends aufzuspüren, kann man zum Beispiel auswerten, wann bestimmte Begriffe wie häufig gesucht wurden.

„Frage nicht, antworte!“: Autor und Medienpädagoge Thomas Pfeiffer

Ebenso wichtig wie die Suche ist das Verwalten und Archivieren der Ergebnisse. Thomas Pfeiffer empfahl, bei einmal gefundenen Quellen einen Dienst – wie zum Beispiel RSS – zu abonnieren. So könne man anschließend gezielt diese Quellen durchsuchen. Vor allem bei Expertenblogs zu bestimmten Fachgebieten sei das hilfreich. Außerdem helfe es, die Ergebnisse nachzuvollziehen. Denn wie bei der Offline-Recherche, so sei auch Online eine sorgfältige Dokumentation notwendig.

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„Man muss Social Media leben“

Juni 20, 2011

Wie verändern Social Media den Journalismus? Community-Manager wird es nicht geben, aber Journalisten müssen deutlich an Eitelkeit verlieren. Thesen wie diese diskutierte ein Podium der Fachgruppe Junge an der Universität Passau.

Da steckt doch nur Quatsch drin. In Facebook, in Twitter, im Social Web. Für den Dozenten und Autor Christian Jakubetz sind das diffuse Ängste und Vorurteile. Um Studenten in Medienstudiengängen zu zeigen, was das soziale Netz tatsächlich für die journalistische Arbeit bedeutet, diskutierte er zusammen mit Ralf Hohlfeld auf einem Podium der Fachgruppe Junge an der Universität Passau. Ralf Hohlfeld ist dort Professor für Kommunikationswissenschaft. Auch er teilt die Vorurteile nicht, sondern sieht Social Media als große Chance für den Journalismus.

Zunächst in der Recherche. „Wenn man weiß, wer im Web zu einem Thema Experte ist, kommt man oft schneller zu guten Ergebnissen als auf dem klassischen Weg.“ Zum Beispiel könne die Suche in sozialen Netzwerken teilweise die Recherche bei der Polizei oder anderen Ämtern vereinfachen oder sogar ersetzen. Bisher mache das vor allem der Boulevard-Journalismus vor – mit fragwürdigen Ergebnissen wie Opferfotos aus Facebook. „Social Media haben das Witwenschütteln leichter gemacht“, sagt Hohlfeld. Andere Dienste wie Twitter würden beispielsweise in Krisensituationen helfen, ein schnelles Bild der Lage zu gewinnen.

„Der Beruf des Communitymanagers ist so unsexy“: Professor Ralf Hohlfeld (links) und Christian Jakubetz

Dabei reicht es aber meist nicht, nur zu lesen. Christian Jakubetz fordert, dass Journalisten sich trauen müssen, ihre Nutzer online zu fragen. „Es gibt immer noch das Selbstverständnis: Wir haben die Information und geben sie weiter“, sagt Jakubetz. Dabei vergebe man eine Chance. „Es ist nur journalistisch, zu fragen: Wisst ihr was?“ Für viele Redakteure verlange das ein Umdenken. Jakubetz glaubt, dass Journalisten an Eitelkeit verlieren müssen. „Es schadet nicht“, sagt er, „im sozialen Netz ab und zu eine drauf zu kriegen.“ Ralf Hohlfeld pflichtet ihm bei. „Vor zwanzig Jahren haben Journalisten ihr Publikum verachtet. Erst seit dem Social Web lernen sie Demut.“ Dazu gehört laut Jakubetz auch, zum Beispiel bei der Themenauswahl transparenter zu werden.
Zum anderen verändern die sozialen Netze die Vermarktung des Journalismus. Hier müsse man dem Nutzer auf Augenhöhe begegnen und ihm Angebote machen, meint Ralf Hohlfeld.

Christian Jakubetz sagt: „Der Journalist als Marke wird überall gepredigt, ist aber kein Rezept.“ Dennoch müssten sich vor allem freie Journalisten auf eine Vermischung von Privat- und Berufsleben einlassen. „Man muss Social Media leben“, sagt Jakubetz. „Das heißt, dass ich auch abends noch reagiere, wenn auf meinem Blog eine Diskussion tobt.“ Auch in Redaktionen müsse das jeder Journalist tun. Community-Manager werde es nicht geben. „Jeder Journalist sollte Dialoge verwalten können“, sagt Hohlfeld. „Der Community-Manager ist kein belastbares Berufsbild, das geht in die falsche Richtung. Und es ist so unsexy.“

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Mein Freund der Redakteur

März 10, 2011

Journalismus und Soziale Medien, das ist das Schwerpunktthema der Fachgruppe Junge im Jahr 2011. Zusammen mit Freien und Onlinern diskutierten 60 Mitglieder im PresseClub darüber, wie man Netzwerke und Web 2.0-Anwendungen für journalistisch nutzen kann.

Die Lieblosigkeit, wie man mit dem Nutzerengagement umgeht, ist erschreckend. Das findet Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Man müsse die Klaviatur, die man im Web hat, besser nutzen. Auch Dirk von Gehlen sieht das so. Der Redaktionsleiter von jetzt.de sagt sogar, dass ein Journalist ohne Social Media Kenntnisse bald nicht mehr eingestellt werde. Über die Chancen der sozialen Medien diskutierten Neuberger und von Gehlen Anfang März auf einem Podium im PresseClub mit Moderatorin Pauline Tillmann.

Moderatorin Pauline Tillmann mit den Referenten Christoph Neuberger (l.) und Dirk von Gehlen

Für Dirk von Gehlen steht die Informationskultur im Web heute an einem Wendepunkt. Bald werde der Nutzer nicht mehr suchend im Web unterwegs sein, sondern Inhalte über Hinweise konsumieren. „Die Redaktionen können die Freunde werden, die die Hinweise geben.“ Ein Bewertungssystem wie auf Online-Marktplätzen nach dem Motto „Andere Leser fanden diesen Artikel gut“ etabliere sich auch für Online-Journalismus, meint Dirk von Gehlen mit Blick auf Facebook- und Twitter-Empfehlungen. Dabei ist auch Eigenwerbung erlaubt, als Journalist darf man aber nicht nur „Link-Schleuder“ sein. „Das Verhältnis von Privatem und Werbung sollte etwa Hälfte Hälfte sein.“ Für die redaktionelle Arbeit gelte: Crossmedia allein reicht nicht. „Man muss auch die Reaktionen einbeziehen.“ Themen über mehrere Tage mit den Nutzern aufziehen, den Entstehungsprozess der Texte transparent machen und Fehler zugeben, aber auch für die Nutzer ansprechbar sein – für Dirk von Gehlen ist Inhalte produzieren nicht mehr die zentrale Rolle. „Früher waren Journalisten Gatekeeper“, sagt Christoph Neuberger, „Heute sind sie Moderatoren und Navigatoren.“ Selektieren, überprüfen und interpretieren werden wichtiger. Die Nutzer begnügen sich nicht mit Small Talk, sie haben auch im Internet ein Qualitätsbewusstsein. „Am Ende der Hinweiskette kann vieles nicht mehr richtig sein, wie bei dem Spiel Stille Post“, erklärt Neuberger. „Deshalb gehen die Nutzer nach wie vor zu den Ursprungsseiten, den journalistischen Seiten.“

Was die eigene journalistische Recherche in Sozialen Medien wie Blogs angeht, empfiehlt Neuberger, das eigene Sichtfeld nicht einzuengen. „Man sollte sich nicht nur fünf Lieblingsblogs suchen, sonst sucht man sich damit auch neue Gatekeeper.“ Im Umgang mit Nutzern auf der eigenen Website rät er, auch mal zu loben. „Nutzerbeteiligung wird noch zu häufig negativ oder störend gesehen.“ Doch die Nutzer haben sich an den Feedback-Kanal gewöhnt und werden ihn ab sofort stets einfordern. Das muss der Journalismus ernst nehmen. Denn immer mehr wird nicht nur der redaktionelle Inhalt das Image einen Online-Mediums prägen, sondern auch die Nutzer – und wie die Redakteure mit ihnen umgehen.

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Social Media Reloaded

März 9, 2011

Manchmal bin ich wie die Raupe Nimmersatt. Wenn ich mich in ein Thema reingefuchst habe, dann möchte ich immer noch mehr darüber wissen. So kommt es, dass ich gestern die Veranstaltung mit Dirk von Gehlen und Professor Christoph Neuberger im Münchner Presseclub hatte (einen Bericht davon wird es in Kürze von Christian geben, den ihr hier lesen werden könnt) – und heute als Teilnehmer bei den Münchner Mediengesprächen im BayernForum (FES) war.

Das Thema, dreimal dürft ihr raten… „Crossmedia – wie Redaktionen wirklich arbeiten“.

Wobei an diesem Abend Crossmedia ziemlich wild durcheinandergewürfelt wurde mit Social Media. Der Grund: Es waren zwei Social-Media-Experten auf dem Podium. Eine davon Ulrike Langer aus Köln (www.medialdigital.de), der andere Matthias Lange aus Maisach (www.redaktion24.de). Dazwischen Michael Schmidt von BR Klassik und Moderatorin Gabriele Hooffacker.

Der Einzige, der etwas zu crossmedialem Arbeiten ausgeführt hat, war Michael Schmidt. Er erklärte, dass durch die Einbindung von Audio, Podcast und Video neue User gewonnen werden könnten. Es gehe dabei um „multimediale Musikvermittlung“ – was der BR-Klassik-Redakteur als bildungspolitische Aufgabe ansieht.

Matthias Lange war vor allem damit beschäftigt, sich selber gut zu vermarkten. Aber er ist ja auch der Meinung, dass Journalisten heutzutage zu Marken werden müssten. Man müsse eine Leser-Marken-Bindung statt einer Leser-Blatt-Bindung aufbauen. Damit hat er wahrscheinlich sogar Recht. Auf seiner Homepage schreibt Lange: „redaktion 42 bietet die gesamte Palette eines modernen Dienstleisters im Bereich der professionellen Kommunikation.“

Kommuniziert hat Lange an diesem Abend zum Beispiel, dass er findet: „Printunternehmen machen zu viel und nichts richtig.“ Sie müssten zu Medienunternehmen werden und davon wegkommen nur Überschriften zu twittern. „Eine Redaktion braucht heutzutage Arbeitsplätze mit Videoschnitt, und zwar nicht einen sondern viele – und die Mitarbeiter brauchen eine andere Ausbildung.“

Als Best-Practise-Beispiele wurden wieder einmal ZEIT ONLINE und die App von tagesschau.de angeführt. „Vor allem bei ZEIT ONLINE werden die User ernst genommen, das zahlt sich aus“, erklärt Ulrike Langer. Sie sagt weiter: „Billig ist das alles nicht.“ Zwar bekomme man einen Facebook- und Twitter-Account für umsonst, aber um diesen wirklich zu nutzen braucht es Zeit. Und die Zeit solle man investieren, um auf sich aufmerksam zu machen. „Es gibt keinen konkreten finanziellen Nutzen, wenn man sich in sozialen Medien bewegt“, erklärt die Journalistin. Denn Twitter sei in erster Linie ein „Nachrichtenaggregator“ und ein „Kommunikationswerkzeug“.

Das Thema Geld und Einkünfte bewegte auch das Publikum, kamen doch immer wieder Fragen genau dazu aus Richtung des Publikums. Auch auf Facebook könne man nichts verdienen, erwidert daraufhin Langer, aber es sei ein tolles Netzwerk für Beziehungen und private News.

Langfristig könne man sich mit Hilfe von Facebook und Co. als „Kompetenzzentrum für ein bestimmtes Thema“ etablieren. Matthias Lange ergänzt: „Ich muss es schaffen, dass ich Follower bei Twitter habe, weil ich interessant bin.“ Da wären wir wieder bei der Marke… zum Schluss wurden dann noch einige allgemeine Aussagen platziert.

Die Nachrichtet findet dich.

 

Die Gatekeeper-Funktion hat ausgedient.

 

Der Journalist wird künftig zum Pfadfinder und übernimmt die Funktion des Moderators und des Navigators.

Plötzlich kommen mir diese Sätze ziemlich bekannt vor. Denn wider Erwarten war das Thema heute nicht „Crossmedia“ sondern „Social Media“. Und darüber habe ich gestern schon ziemlich viel Neues erfahren.

Text: Pauline Tillmann

Die Königsdisziplin im Praxistest

Januar 29, 2011

Die Reportage ist die Königdisziplin im Journalismus. Wer gute Reportagen schreiben kann, der hat es geschafft. Bei Holger Gertz ist es jedenfalls so. Er ist einer der wenigen Seite-3-Reporter der Süddeutschen Zeitung und hat vom 28. bis 30. Januar ein Medienseminar auf Kloster Banz gegeben – in Zusammenarbeit mit den Nachwuchsjournalisten Bayerns (NJB) und der Hanns-Seidel-Stiftung.

Die einleitenden Worte klingen wenig motivierend: „Man kann die Reportage nicht in zwei Tagen erlernen“, so Holger Gertz am Freitagnachmittag – „aber man kann sich dieser besonderen Form annähern“. Und darum ging es dann auch. Sich annähern daran, was eine gute Reportage ausmacht. Zum Beispiel mit Hilfe des Leitsatzes: „Sei nie langweilig!“ Oder: „Sei vor Ort!“ Klingt banal, ist es aber nicht. Schließlich ist das Wichtigste für einen Reporter die Stimmung vor Ort aufzusaugen – und diese Stimmung im Anschluss in Worten, Sätzen und Formulierungen wiederzugehen. „Nur wer draußen war, kann eine Reportage schreiben“, sagt Gertz. Und hat Recht damit. Denn nur dann kann man beschreiben was man vor Ort gehört, gerochen, geschmeckt und gefühlt hat. Schließlich besteht eine gute Reportage aus vielen Details – Holger Gertz: „Während der Recherche muss der Reporter diese Details für seine Geschichte zusammenkratzen“. Einer seiner zentralen Sätze lautet: „Die kleinen Dinge sehen und ihre Größe begreifen.“

Demnach sei nicht das Klischee das Entscheidende, sondern das sprechende Detail. „Sprechende Details zu finden ist schwierig, denn sprechende Details sind wie Gold.“ Laut Gertz lohnt sich aber die Mühe, denn Details erklären mehr als tausend Worte. So ist die Reportage „immer ein Ausschnitt aus dem großen Ganzen, der das große Ganze erklärt“. Wichtig bei der Reportage sei auch das „Casting“, wie es Gertz nennt. Der SZ-Reporter meint damit, dass es wichtig sei, eine passende Hauptperson für seine Geschichte auszuwählen. „Der Leser soll sich hineinfühlen in den Protagonisten. Wenn der Leser etwas fühlt, wird die Geschichte anschaulich. Den Leser wissend, traurig, wütend machen – das ist ein schönes Ziel“, so Gertz. Um das zu erreichen brauche man eine Person, die Leidenschaft versprühe.

Wenn man diese leidenschaftliche Person gefunden hat, soll man möglichst noch den „richtigen Schauplatz“ finden. Das heißt, sich mit dem Protagonisten nicht nur am Schreibtisch zu unterhalten sondern hinauszugehen und etwas zusammen zu erleben. Das heißt: Den Protagonisten in Interaktion mit anderen Menschen zu beobachten, oder im privaten Umfeld.

Zeit nehmen sollte man sich vor allem für den Anfang, denn laut Gertz ist der Einstieg der prominenteste Teil der Geschichte. Der Einstieg kann szenisch sein, gerne persönlich, oder auch geheimnisvoll. Und so wichtig der Anfang ist, genauso wichtig ist der Schluss. Gertz sagt: „Ein guter Schluss rundet die Geschichte ab.“ Demnach kann ein starkes Zitat der Schluss sein, oder eine aussagekräftige Beobachtung, gerne auch die Zusammenfassung der Geschichte in einem Satz.

Da die Reportage eine sehr subjektive journalistische Form ist, ist es wichtig die eigene Haltung zu finden – ohne den Leser zu belästigen. Deshalb empfiehlt Holger Gertz die Ich-Form nach Möglichkeit zu vermeiden. Für die Sprache sei es wichtig, seinen eigenen Stil zu finden. Das heißt, am besten Alltagssprache zu verwenden, mit kurzen, prägnanten Sätzen – nach dem Motto: „Nicht auf das schöne Wort kommt es an, sondern auf das treffende.“

Neben dem journalistischen Handwerk hat Holger Gertz den jungen Journalisten noch einige entscheidende Ratschläge mit auf den Weg gegeben. Erstens: zuhören. Zweitens: sich gut vorbereiten. Drittens: sich in die Protagonisten hineinfühlen (Stichwort Empathie). Viertens: sich dümmer stellen als man ist. Fünftens: Texte nie vor der Veröffentlichung für eine Autorisierung vorlegen, maximal Zitate. Sechstens: Das Thema (roter Faden) nicht aus dem Blick verlieren. Siebtens: zwischendurch unterhaltsam oder witzig sein schadet nicht. Achtens: Texte laut lesen. Neuntens: eine Nacht darüber schlafen.

Zehntens – und das ist mein persönlicher Tipp: Texte von Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung lesen, zum Beispiel die Reportage über den ehemaligen SPD-Abgeordneten Axel Berg nach der letzten Bundestagswahl (erschienen am 30.09.2009).

Text: Pauline Tillmann

Frei und erfolgreich? Geht doch!

Januar 23, 2011

„Wenn ein guter Job lockt, kennen manche freie Journalisten keinen Samstag, kein Wochenende, sie arbeiten nachts durch“ – so jedenfalls die Aussage von Werner Hinse. Er arbeitet selber als freier Journalist und Autor im westfälischen Münster. Am 20. Januar hat er im Presseclub München auf Einladung der BJV-Fachgruppe Freie von seinen Erfahrungen und von Interviews mit Freien berichtet, die von Simon Lenartz am Institut für Journalistik in Dortmund durchgeführt wurden.

Werner Hinse ist seit 2002 Freier und sagt: „Es gibt immer mehr von uns.“ Um Geld zu verdienen hat er einen „Gemischtwarenladen mit Sachen Journalismus“, um sich ehrenamtlich zu engagieren ist er seit 2004 Mitglied im DJV-Gesamtvorstand NRW. Der „Gemischtwarenladen“ besteht bei dem 54-Jährigen unter anderem aus der Tätigkeit als Textautor und als Dozent im Haus Busch in Hagen. Vor einigen Jahren hat er einen Artikel zum Thema „Von Print leben? Geht doch!“ geschrieben. Seitdem beschäftigt er sich verstärkt mit dem Freiendasein im Allgemeinen und dem Print-Freien im Speziellen. Zwischen 12.000 und 25.000 freie Journalisten gibt es in Deutschland. Der DJV sagt es sind 25.000, Professor Weischenberg aus Hamburg geht von 12.000 aus – eine Definitionsfrage also. Aber egal wie viele es am Ende wirklich sind, interessant ist: „Sie reden nicht mit anderen Freien darüber, wie ihr Einkommensmix aussieht“, meint Werner Hinse. Denn die meisten Freien seien ständig dabei ihre Pfründe zu sichern und würden in anderen Freien in erster Linie Konkurrenten sehen.

Dabei geht die Vorstellung von Freien weit auseinander. Die einen denken bei Freien an selbstbestimmte Unternehmer, die sich ihre Arbeitszeit frei einteilen könnten – und andere definieren Freie als Arbeitssklaven ohne soziale Absicherung. Sicher sei jedoch, so Hinse, dass sie grenzenlos belastbar und Tag und Nacht verfügbar sein müssten. So sind sie „Mitarbeiter auf Abruf“, aber nicht zuletzt auch „Huren des Geschäfts, die alles stehen und liegen lassen, wenn ein Anruf kommt“. Um ein realistisches Bild von Freien in Deutschland zu zeichnen, führte der Dortmunter Student Simon Lenartz so genannte „Leitfadeninterviews“ und ging vor allem der Frage nach: Welche Strategie hat sich der Einzelne zurechtgelegt, um sich als Freier durchzuschlagen? Oder anders ausgedrückt: Welchen „Gemischtwarenladen“ hat er sich zu Eigen gemacht?

Bevor Hinse zu den Ergebnissen dieser Leitfadeninterviews kam, berichtete er von bemerkenswerten Statistiken – Statistiken, die beim einen oder anderen im Raum ein lautstarkes Stöhnen hervorriefen. Zum Beispiel, dass ein durchschnittlicher Print-Freier in Deutschland laut Künstlersozialkasse im Jahr 16.232 Euro netto verdient. Macht 1.352 Euro im Monat. Dabei gibt es interessanterweise große Unterschiede zwischen Männern und Frauen und auch ob es sich um Berufsanfänger handelt oder um 30- bis 40-Jährige. Frauen in dieser Kategorie verdienen netto nämlich 12.812 Euro, monatlich also überschaubare 1.067 Euro. Das Staunen im Publikum wird größer und größer, schließlich sind die meisten der rund 30 Gäste Frauen.

Aber eigentlich sollte Werner Hinse an diesem Abend von positiven Beispielen erzählen, die Mut machen sollten. Und mit seinen realen Beispielen versuchte er das auch. Doch wenn man von einer 33-jährigen Kollegin hört, die als Lokaljournalistin arbeitet und sagt „Die Masse macht’s“, klingt das irgendwie alles andere als ermutigend. Bis vor kurzem hat sie sieben Tage die Woche gearbeitet – vor allem Samstag und Sonntag – wodurch ihr Privatleben verständlicherweise massiv gelitten hat. Außerdem konnte sie weder planen noch krank werden. Einer ihrer Auftraggeber sagte über sie: „Sie liefert zuverlässig, sie ist gut und sie kommt mit Ideen. Sie ist die ideale freie Mitarbeiterin.“ Damit man als Freie davon leben kann, sagt sie, müsse man „immer am Ball bleiben, sich perfekt selbst verwalten und tippen, tippen, tippen“. Außerdem setzt die Printkollegin aus der Provinz auf Mehrfachverwertung, zum Beispiel in Zeitschriften und sagt nüchtern: „Die fetten Jahre mit Absicherung sind vorbei.“ Und weil man dieses Lebensmodell nicht ewig machen kann, hat sie sich inzwischen einen Halbtagesjob in der Öffentlichkeitsarbeit eines Verbandes gesucht. Jetzt muss sie nicht mehr jedes Wochenende raus.

Ein anderer Fall beschreibt einen Printkollegen, der in Bonn lebt, 44 Jahre alt ist und von sich sagt: „Ich arbeite keine acht Stunden am Tag. Um das zu können, muss man gut sein und sich anstrengen.“ Oder: „Man muss sich von vielen schlecht bezahlen lassen.“ Denn auch dieser Freie lebt von der Masse. Er zählt 60 Tageszeitungen zu seinen Kunden und versucht seine Artikel mehrfach zu verkaufen. Außerdem textet er für Bücher und für Kalender. Sich bei der PR etwas dazuzuverdienen, lehnt der ehemalige Henri-Nannen-Schüler allerdings ab. Das journalistische Distanzgebot sei ihm heilig, sagte er seinem Interviewer Simon Lenartz. Und er sagte auch: „Wer zu faul, zu undiszipliniert und zu wenig aggressiv ist, der kann nicht als Freier arbeiten.“ Sein Geschäftsmodell „unverlangt eingesandt“ funktioniere nur, weil er eine kaufmännische Hartnäckigkeit entwickelt habe.

Dabei könne man derzeit eine allgemeine Tendenz feststellen, so Hinse, dass viele Journalisten in die PR- und Öffentlichkeitsarbeit abwanderten. „Wer davon ausgeht, dass man da viel besser bezahlt werden würde, der irrt“, warf eine Frau aus dem Publikum ein. Sie habe jahrelang in der PR gearbeitet und die Nachfrage bestimmt bekanntlich den Preis. „Da aber inzwischen so viele in die Branche abwandern, drückt das den Preis klar nach unten.“ Andere Diskutanten im Publikum echauffierten sich darüber, dass es immer wieder Freie gebe, die Artikel für lau anbieten würden: „Wenn man jung ist oder Student, dann kann ich das verstehen, aber wenn die Verleger immer einen Dummen finden, der ihnen das für fast umsonst macht, dann werden sie an ihren Dumpingzeilenhonoraren nie etwas ändern.“

Werner Hinse meinte anschließend: „Insgesamt sollten die Freien ein anderes Selbstbewusstsein entwickeln und sich ernsthaft fragen, was bin ich wert?“ Idealerweise müsste so etwas wie eine „Solidarisierung“ zwischen den Freien stattfinden, damit die Zeitungen eben keine Texte mehr für lau angeboten bekämen, in der Hoffnung, dass ein Folgeauftrag dabei rausspringen könnte. Aber auch Hinse weiß, dass so eine Solidarisierung (möglicherweise) Zukunftsmusik ist, im Moment jedenfalls alles andere als greifbar.

Viel zu schreiben ist schön und gut, auch nah am Menschen zu sein, hört sich zunächst toll an. Aber zum Freiendasein gehört mehr als zu schreiben und auf Termine zu gehen. Dazu gehört auch Marketing, Akquise von neuen Kunden und Buchhaltung – nicht zu sprechen von der Steuererklärung am Ende des Jahres. „Das führt bei vielen Freien zu Stress und zu Überforderung“, glaubt Hinse. Und: zu Entgrenzung. „So schaffen es viele Freie – vor allem Berufsanfänger – nicht zwischen Arbeit und Privatleben zu trennen.“ Tröstend sagte Hinse zum Schluss: „Im Laufe der Zeit wird das aber deutlich besser, ganz einfach weil man das auf Dauer sonst nicht durchhält.“

Autorin: Pauline Tillmann

Nix wie raus hier – aber richtig

Januar 15, 2011

Auslandserfahrung ist heutzutage eine der Schlüsselqualifikationen im Journalismus. Vor allem wenn man am Anfang seiner journalistischen Karriere steht hört man immer wieder: „Geh’ ins Ausland – das macht sich gut im Lebenslauf.“ Tatsächlich muss man aber, wenn man tatsächlich für einige Zeit in einem anderen Land arbeitet einiges beachten. Deshalb veranstaltete der Arbeitskreis Europa am 13. Januar im Presseclub München eine Podiumsdiskussion zum Thema „Erfolgreiche interkulturelle Kommunikation für Medienschaffende“.

Zunächst führte Monika Kraemer vom Institut für interkulturelle Kommunikation der LMU München mit einem Impulsreferat in das Thema ein. „Wichtig ist es sich von dem Glauben zu verabschieden, dass die eigene Art allgemeingültig ist“, sagt die Wissenschaftlerin gleich zu Beginn. Sie definiert interkulturelle Kommunikation dabei (nach Lehrstuhlinhaber Alois Moosmüller) so: „Es ist die Fähigkeit mit Individuen und Gruppen, die einer anderen Kultur angehören, erfolgreich zu kommunizieren.“

Ihre Beispiele aus der Wirtschaft zeigen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem was man sagt und dem wie es ankommt gibt (Äußerungen – Innerungen). Außerdem ist es ratsam, wenn man auch mal die Perspektive wechselt und nicht nur à la Obelix sagt: „Die spinnen, die…“, weil das Verhalten der anderen anfangs meist schwierig nachzuvollziehen ist. Stattdessen sollte man sich die Werteorientierung bewusst machen, die dahinter steht. Ist man zum Beispiel eher einen partizipativen Führungsstil (USA) gewohnt, oder einen hierarchischen (Griechenland)? Arbeitet man eher selbständig (Deutschland) oder fragt man eher mal nach (Japan)?

Für eine erfolgreiche interkulturelle Kommunikation ist deshalb Wissen über die kulturelle Prägung des Anderen erforderlich. Es sind aber auch die eigenen Fähigkeiten gefordert, wie beispielsweise Flexibilität und vor allem auch Perspektivenwechsel. Dabei gibt es unterschiedliche Stufen von Kommunikation. Einkaufen und Taxi fahren in einem fremden Land dürften kein Problem sein. Essen mit Stäbchen kann man auch lernen. Wenn es aber um Begrüßungsrituale oder auch bestimmte Umgangsformen geht, wird es schon schwieriger (erfordert tieferes Kulturverständnis). Vor allem muss man sich bewusst machen: Jede Botschaft enthält immer mehr als eine Botschaft. Oder auch laut Paul Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Interessant dabei ist die Erkenntnis, dass die Deutschen im internationalen Vergleich eher „sachorientiert“ sind. Das heißt wir legen eher wenig Wert auf die Beziehungsebene. In Japan ist das komplett umgekehrt. Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man zum Beispiel nach Japan geht oder mit Japanern zusammenarbeitet. Das Beispiel wie lange man bei einem Meeting braucht um anzufangen, zeigt deutlich: Die Deutschen brauchen fünf Minuten, die Japaner 15 Minuten und die Italiener bis zu 30 Minuten. Das ist nicht weder gut noch schlecht, es ist einfach ein Fakt, den man sich bewusst machen sollte.

Monika Kraemer meint schließlich: „Das Wichtigste ist, dass man authentisch bleibt und das Anderssein aushält.“ Außerdem helfe häufig Humor und Geduld. Sich ein bisschen zurückzunehmen, kann auch nicht schaden. Und: Der Beziehungsebene mehr Raum zugestehen und das Geschäftliche auch mal das Geschäftliche sein lassen.

Nach dem Impulsreferat von Monika Kraemer ging es in die Diskussion. Mit dabei war Libuse Cerna von Radio Bremen. Sie ist stellvertretende Redaktionsleiterin von Funkhaus Europa und kommt ursprünglich aus Prag. Das ist aber schon mehr als 30 Jahre her und so hört man die tschechische Herkunft nur noch an ihrem sympathischen Akzent. Sie erzählte davon, dass sie lange davon ausging, dass sie genauso arbeite wie ihre deutschen Kollegen. Das Buch „Perfekt geplant und genial improvisiert“ machte ihr jedoch vor zwei Jahren klar, dass die Deutschen nicht so kommunikativ seien wie die Tschechen. Heißt: Dass man nicht immer alles mündlich erklären muss sondern dass es besser ist, Mitteilungen auch mal schriftlich zu formulieren. „Die Tschechen unterhalten sich nun mal gern“, sagt Cerna, „deshalb habe ich das in Deutschland auch so gemacht, aber die Deutschen sind da nun mal anders.“

Der TV-Journalist Uwe Krist berichtete von seinen Erlebnissen in China, wo er eine Produktionsfirma unterhält: „China ist in vielerlei Hinsicht paradox – man kann da wirklich vieles falsch machen.“ So sei der Journalismus nur eine Ware – dass Meinungsfreiheit wichtig sei für eine funktionierende Demokratie, verstünden die Chinesen weithin nicht. Außerdem müsse man sich damit anfreunden, dass das Internet nicht frei sei wie bei uns sondern dass es ständig von 30.000 Kontrolleuren überwacht werde. Das Wichtigste in China sei aber das Essen, vor allem nachdem man zusammen Geschäfte gemacht habe. „Deshalb braucht man in China einen starken Magen und eine gute Leber“, so Krist.

Moderatorin Kornelia Doren berichtete an diesem Abend von ihren Erfahrungen in Italien. „Wenn man zum Beispiel ein Konzept macht, wenn man zum Drehen geht, dann fühlen sich die Italiener schnell überrumpelt.“ Besser sei es sich zuerst ausgiebig kennen zu lernen, wenn man zu einem vernünftigen Ergebnis kommen wolle. Auch hier spielt das Essen eine wichtige Rolle: „Schließlich werden da gemeinsam Ideen entwickelt.“ Später müsse man das angespannte Zeitbudget durch Improvisation ausgleichen, so Doren. Aber: Am Ende sei es immer noch gut gegangen – auch wenn es schon mal vorkommt, dass das Honorar drei Monate später kommt als vereinbart.

Radiojournalistin Libuse Cerna glaubt: „Das mit der interkulturellen Kommunikation ist bei der jüngeren Generation gar nicht so ein Thema – die sind flexibler und entspannter im Umgang miteinander.“ Trotzdem bleibt es natürlich ein „ewiges Improvisieren und sich bewusst machen“, wenn man mit fremden Kulturen zu tun habe. Hilfreich sei auch sich „Verbündete“ zu suchen, findet TV-Mann Krist. In seinem Falle: chinesische Geschäftspartner, die als Türöffner agieren.

Abschließend lässt sich festhalten, dass interkulturelle Kommunikation nicht einseitig funktioniert. Es müssen sich beide Seiten anstrengen und die Andersartigkeit aushalten, das heißt tolerant sein – ohne gleichgültig zu werden. Und: Mal die Perspektive zu wechseln und sich in den anderen hineinzuversetzen, kann sicher auch nicht schaden.

Autorin: Pauline Tillmann

„Wir träumen von einer Recherche-Redaktion“

Dezember 10, 2010

Koordination als die zentrale Aufgabe: Bei einem Besuch im BR-Studio Franken erleben Mitglieder des BJV, wo die Regionalsender des öffentlichen Rundfunks auf dem Weg in die crossmediale Zukunft stehen.

Die Arbeit bei einem Regionalsender ist anders als jene in überregionalen Anstalten – und das gilt auch für Crossmedia. Welche Unterschiede gibt es und wie sieht die Strategie des BR-Studios Franken in Nürnberg aus? Die Mitglieder der Fachgruppen Junge und Online sowie des Bezirksverbands Franken-Nordbayern haben sich davon bei einem Besuch Anfang Dezember ein Bild gemacht.

Einige Teilnehmer und Pauline Tillmann, Vorsitzende der Fachgruppe Junge (Mitte), im Studio der Frankenschau.

Nach einer Führung durch die Fernseh- und Hörfunkstudios erklären Norbert Küber und Stephan Kirchner in einer offenen Diskussion, wie der Bayerische Rundfunk in Franken crossmedial arbeiten will. Dabei zeigt Norbert Küber, der stellvertretende Studioleiter, die Schwierigkeit: „Wir müssen nicht nur verschiedene Medien, sondern auch verschiedene Standorte vernetzen.“

Stellvertretender Studioleiter Norbert Küber

Die räumliche Trennung behindert den Austausch, der in der crossmedialen Arbeit Voraussetzung ist. Ein Neubau soll Abhilfe schaffen. Bis zum Frühjahr 2012 soll auf dem Gelände des BR in Nürnberg ein Multimedia-Haus entstehen, in dem alle Redaktionen zusammenarbeiten. Küber verspricht, dass keine Stellen wegfallen werden. Stattdessen sollen die Mitarbeiter Zeit für neue Aufgaben haben. „Wir träumen von einer Recherche-Redaktion, zum Beispiel für das Fact Checking“, sagt auch Stephan Kirchner, der den Bereich Multimedia leitet.

Multimedia-Chef Stephan Kirchner

Er betont, dass die Mitarbeiter des BR-Studios Franken bereits multimediale Erfahrung haben und als Regionaljournalisten ohnehin Generalisten seien. Trotzdem setze man auch auf Videojournalisten, die ihre Beiträge selbst produzieren. „Hier hat ein Paradigmenwechsel hin zum Selber schneiden stattgefunden“, sagt Kirchner.
Im schnellen Betrieb gelte auch beim BR: Web first. „Dabei sind wir aber noch nicht so gut, wie lokale Zeitungen“, gibt Küber zu und kritisiert die vorgeschriebene Beschränkung auf „sendungsbegleitende“ Inhalte. Zeitungen hätten auch zahlreiche Videos online. „Ist das ihre originäre Aufgabe?“
Und wie steht es um die sozialen Medien im Internet? „Wir testen das“, meint Küber. Das größte Problem dabei: „Vernetztheit und Tridmedialität potenzieren die Rechtefrage.“ Nennenswerte Klickzahlen gebe es bisher nicht. Man sammle Erfahrungen.

Norbert Küber und die Gruppe in der Regie des Fernsehstudios

Text und Fotos: chp