Mein Freund der Redakteur

Journalismus und Soziale Medien, das ist das Schwerpunktthema der Fachgruppe Junge im Jahr 2011. Zusammen mit Freien und Onlinern diskutierten 60 Mitglieder im PresseClub darüber, wie man Netzwerke und Web 2.0-Anwendungen für journalistisch nutzen kann.

Die Lieblosigkeit, wie man mit dem Nutzerengagement umgeht, ist erschreckend. Das findet Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Man müsse die Klaviatur, die man im Web hat, besser nutzen. Auch Dirk von Gehlen sieht das so. Der Redaktionsleiter von jetzt.de sagt sogar, dass ein Journalist ohne Social Media Kenntnisse bald nicht mehr eingestellt werde. Über die Chancen der sozialen Medien diskutierten Neuberger und von Gehlen Anfang März auf einem Podium im PresseClub mit Moderatorin Pauline Tillmann.

Moderatorin Pauline Tillmann mit den Referenten Christoph Neuberger (l.) und Dirk von Gehlen

Für Dirk von Gehlen steht die Informationskultur im Web heute an einem Wendepunkt. Bald werde der Nutzer nicht mehr suchend im Web unterwegs sein, sondern Inhalte über Hinweise konsumieren. „Die Redaktionen können die Freunde werden, die die Hinweise geben.“ Ein Bewertungssystem wie auf Online-Marktplätzen nach dem Motto „Andere Leser fanden diesen Artikel gut“ etabliere sich auch für Online-Journalismus, meint Dirk von Gehlen mit Blick auf Facebook- und Twitter-Empfehlungen. Dabei ist auch Eigenwerbung erlaubt, als Journalist darf man aber nicht nur „Link-Schleuder“ sein. „Das Verhältnis von Privatem und Werbung sollte etwa Hälfte Hälfte sein.“ Für die redaktionelle Arbeit gelte: Crossmedia allein reicht nicht. „Man muss auch die Reaktionen einbeziehen.“ Themen über mehrere Tage mit den Nutzern aufziehen, den Entstehungsprozess der Texte transparent machen und Fehler zugeben, aber auch für die Nutzer ansprechbar sein – für Dirk von Gehlen ist Inhalte produzieren nicht mehr die zentrale Rolle. „Früher waren Journalisten Gatekeeper“, sagt Christoph Neuberger, „Heute sind sie Moderatoren und Navigatoren.“ Selektieren, überprüfen und interpretieren werden wichtiger. Die Nutzer begnügen sich nicht mit Small Talk, sie haben auch im Internet ein Qualitätsbewusstsein. „Am Ende der Hinweiskette kann vieles nicht mehr richtig sein, wie bei dem Spiel Stille Post“, erklärt Neuberger. „Deshalb gehen die Nutzer nach wie vor zu den Ursprungsseiten, den journalistischen Seiten.“

Was die eigene journalistische Recherche in Sozialen Medien wie Blogs angeht, empfiehlt Neuberger, das eigene Sichtfeld nicht einzuengen. „Man sollte sich nicht nur fünf Lieblingsblogs suchen, sonst sucht man sich damit auch neue Gatekeeper.“ Im Umgang mit Nutzern auf der eigenen Website rät er, auch mal zu loben. „Nutzerbeteiligung wird noch zu häufig negativ oder störend gesehen.“ Doch die Nutzer haben sich an den Feedback-Kanal gewöhnt und werden ihn ab sofort stets einfordern. Das muss der Journalismus ernst nehmen. Denn immer mehr wird nicht nur der redaktionelle Inhalt das Image einen Online-Mediums prägen, sondern auch die Nutzer – und wie die Redakteure mit ihnen umgehen.

Text & Foto: chp

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: