Die Königsdisziplin im Praxistest

Die Reportage ist die Königdisziplin im Journalismus. Wer gute Reportagen schreiben kann, der hat es geschafft. Bei Holger Gertz ist es jedenfalls so. Er ist einer der wenigen Seite-3-Reporter der Süddeutschen Zeitung und hat vom 28. bis 30. Januar ein Medienseminar auf Kloster Banz gegeben – in Zusammenarbeit mit den Nachwuchsjournalisten Bayerns (NJB) und der Hanns-Seidel-Stiftung.

Die einleitenden Worte klingen wenig motivierend: „Man kann die Reportage nicht in zwei Tagen erlernen“, so Holger Gertz am Freitagnachmittag – „aber man kann sich dieser besonderen Form annähern“. Und darum ging es dann auch. Sich annähern daran, was eine gute Reportage ausmacht. Zum Beispiel mit Hilfe des Leitsatzes: „Sei nie langweilig!“ Oder: „Sei vor Ort!“ Klingt banal, ist es aber nicht. Schließlich ist das Wichtigste für einen Reporter die Stimmung vor Ort aufzusaugen – und diese Stimmung im Anschluss in Worten, Sätzen und Formulierungen wiederzugehen. „Nur wer draußen war, kann eine Reportage schreiben“, sagt Gertz. Und hat Recht damit. Denn nur dann kann man beschreiben was man vor Ort gehört, gerochen, geschmeckt und gefühlt hat. Schließlich besteht eine gute Reportage aus vielen Details – Holger Gertz: „Während der Recherche muss der Reporter diese Details für seine Geschichte zusammenkratzen“. Einer seiner zentralen Sätze lautet: „Die kleinen Dinge sehen und ihre Größe begreifen.“

Demnach sei nicht das Klischee das Entscheidende, sondern das sprechende Detail. „Sprechende Details zu finden ist schwierig, denn sprechende Details sind wie Gold.“ Laut Gertz lohnt sich aber die Mühe, denn Details erklären mehr als tausend Worte. So ist die Reportage „immer ein Ausschnitt aus dem großen Ganzen, der das große Ganze erklärt“. Wichtig bei der Reportage sei auch das „Casting“, wie es Gertz nennt. Der SZ-Reporter meint damit, dass es wichtig sei, eine passende Hauptperson für seine Geschichte auszuwählen. „Der Leser soll sich hineinfühlen in den Protagonisten. Wenn der Leser etwas fühlt, wird die Geschichte anschaulich. Den Leser wissend, traurig, wütend machen – das ist ein schönes Ziel“, so Gertz. Um das zu erreichen brauche man eine Person, die Leidenschaft versprühe.

Wenn man diese leidenschaftliche Person gefunden hat, soll man möglichst noch den „richtigen Schauplatz“ finden. Das heißt, sich mit dem Protagonisten nicht nur am Schreibtisch zu unterhalten sondern hinauszugehen und etwas zusammen zu erleben. Das heißt: Den Protagonisten in Interaktion mit anderen Menschen zu beobachten, oder im privaten Umfeld.

Zeit nehmen sollte man sich vor allem für den Anfang, denn laut Gertz ist der Einstieg der prominenteste Teil der Geschichte. Der Einstieg kann szenisch sein, gerne persönlich, oder auch geheimnisvoll. Und so wichtig der Anfang ist, genauso wichtig ist der Schluss. Gertz sagt: „Ein guter Schluss rundet die Geschichte ab.“ Demnach kann ein starkes Zitat der Schluss sein, oder eine aussagekräftige Beobachtung, gerne auch die Zusammenfassung der Geschichte in einem Satz.

Da die Reportage eine sehr subjektive journalistische Form ist, ist es wichtig die eigene Haltung zu finden – ohne den Leser zu belästigen. Deshalb empfiehlt Holger Gertz die Ich-Form nach Möglichkeit zu vermeiden. Für die Sprache sei es wichtig, seinen eigenen Stil zu finden. Das heißt, am besten Alltagssprache zu verwenden, mit kurzen, prägnanten Sätzen – nach dem Motto: „Nicht auf das schöne Wort kommt es an, sondern auf das treffende.“

Neben dem journalistischen Handwerk hat Holger Gertz den jungen Journalisten noch einige entscheidende Ratschläge mit auf den Weg gegeben. Erstens: zuhören. Zweitens: sich gut vorbereiten. Drittens: sich in die Protagonisten hineinfühlen (Stichwort Empathie). Viertens: sich dümmer stellen als man ist. Fünftens: Texte nie vor der Veröffentlichung für eine Autorisierung vorlegen, maximal Zitate. Sechstens: Das Thema (roter Faden) nicht aus dem Blick verlieren. Siebtens: zwischendurch unterhaltsam oder witzig sein schadet nicht. Achtens: Texte laut lesen. Neuntens: eine Nacht darüber schlafen.

Zehntens – und das ist mein persönlicher Tipp: Texte von Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung lesen, zum Beispiel die Reportage über den ehemaligen SPD-Abgeordneten Axel Berg nach der letzten Bundestagswahl (erschienen am 30.09.2009).

Text: Pauline Tillmann

Eine Antwort to “Die Königsdisziplin im Praxistest”

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