Andere Länder, andere Tücken!

Wie geht man mit Informanten um? Wie mit Dolmetschern und fremdsprachigen O-Tönen? In der politischen Akademie in Tutzing ging es vom 17. bis 19. November um die „praktischen Probleme der Auslandsberichterstattung“. Dabei plauderten einige ARD-Korrespondenten sowie Kameramann Alex Goldgraber (ARD-Studio Wien) aus dem Nähkästchen und gaben spannende Einblicke in ihre Arbeit vor Ort. Organisiert wurde das Seminar in Zusammenarbeit mit der Fachgruppe Rundfunk unter der Leitung von Hilde Stadler. Neben Stadler war vor allem Till Rüger (Bayerisches Fernsehen) für die inhaltliche Konzeption verantwortlich.

Bettina Marx war 2003 bis 2008 Hörfunkkorrespondentin für die ARD in Tel Aviv und sagt es war „ein Riesengeschenk“ – vor allem die Abwechslung habe ihr gut gefallen. Das konnten die anderen Korrespondenten nur bestätigen, vor allem Eva Corell, die 1999 bis 2007 in China war und dort sowohl fürs Radio als auch fürs Fernsehen berichtet hat – heute leitet sie das BR-Hauptstadtstudio in Berlin. Corell hat Sinologie studiert und ist zunächst als freie Radiokorrespondentin nach Hongkong gegangen. „Man muss einfach den Mut haben sich das zu trauen.“ Der Mut wurde wenig später belohnt, schließlich hat sie einen der begehrten ARD-Korrespondentenplätze bekommen, und zwar in Peking. Bei sensiblen Themen sei das immer ein „Katz- und Maus-Spiel mit dem Regime“ gewesen. Natürlich gebe es feste Regeln, aber die seien „verhandelbar“. Die Frage, die man sich jedoch immer stellen solle, sei: Welches Risiko nehme ich mit einer Geschichte konkret auf mich? Dabei ging man auch näher auf das Thema Informantenschutz ein. Eine Geschichte hatte nämlich besonders tragische Folgen: Als ein chinesischer Bauer zusammengeschlagen wurde, nachdem er der ARD ein Interview über die Auswirkungen des Staudammbaus am Yangtse Fluss gegeben hatte. Die Folge der Misshandlung: Er wird sein Leben lang querschnittsgelähmt sein. Das führte zu heftigen Kontroversen, welche Verantwortung Journalisten im Umgang mit Interviewpartnern und Informanten haben.

v. l. Eva Correll (früher Peking, heute Berlin) und Martin Weiss (Teheran)

 

„Fernsehen ist immer am Schwierigsten umzusetzen“, sagt Eva Corell, „weil es am auffälligsten ist.“ Am einfachsten hätten es ihrer Meinung nach die Printkollegen, die einfach nur Papier und Stift bei sich tragen müssten. „In China ist man als Ausländer schon per se verdächtig, mit einer Kamera auf der Schulter ist man doppelt verdächtig.“ Trotzdem bleiben Auslandskorrespondenten weitgehend von Repressalien verschont, weil das Regime, bemüht um sein internationales Ansehen, vorsichtig ist. Denn die zu erwartende Empörung aus dem Ausland wäre sicherlich groß, käme ein ausländischer Korrespondent wirklich zu Schaden. Willkür bestehe jedoch allerorts, und das nicht zu knapp.

Diese Erfahrung hat auch Martin Weiss gemacht, der seit 2010 Fernsehkorrespondent für die ARD in Teheran ist. Sein Journalistenvisum hat er im Oktober 2009 beantragt, erst ein halbes Jahr später hielt er es in den Händen. „Wenn man schnell eine Geschichte machen will, dann ist man im Iran an der falschen Adresse“, so Weiss. Außerdem sei der Iran „das schlimmste Land, was die Überwachung von Journalisten angeht“. Und obwohl man dort verhältnismäßig wenig drehen könne, sei es trotzdem wichtig dort zu sein und darüber zu berichten was dort passiert. „Man ist Gast in einem Land und man muss sich den Regeln unterwerfen – würde ich diese Vorgabe nicht beherzigen, würde ich das ganze ARD-Büro in Teheran gefährden. Und das nutzt keinem.“ Deshalb sei er sich der „roten Linie“, die es unsichtbar immer gebe, sehr wohl bewusst. Diese „rote Linie“ dürfe man nicht überschreiten, deshalb müsse man sich sehr genau überlegen, welche Worte man wähle und welche Protagonisten man zeige. Martin Weiss sagt: „Ich muss bei jeder Story überlegen wie weit kann ich gehen?“

ARD-Korrespondent Martin Weiss

Besonders nervenaufreibend sei es, dass es so lange dauere bis man die nötige Drehgenehmigung bekomme, vom „Ministerium für Kultur und islamische Führung“: „Jeder Dreh muss im Vorfeld angemeldet und abgesegnet werden.“ Auch die Kommunikation vie Handy oder Email will wohl überlegt sein, denn beides könne mitgehört, bzw. mitgelesen werden. Am ehesten seien Live-Schalten möglich, hier könne man eine Einschätzung und Einordnung abgeben – ohne aufwändige Absprachen im Vorfeld. „Man muss mit der Situation leben, dass man halt nicht immer alles sagen kann. So ist das nun mal im Iran“, erklärt Weiss.

 

Neben den Erfahrungsberichten von Eva Corell und Martin Weiss ging es in dem Seminar um unterschiedliche praktische Probleme und Herausforderungen bei der Auslandsberichterstattung. Beispiel: Soll ich Protagonisten ein Informationshonorar zahlen oder nicht? Wie gehe ich mit fremdsprachigen O-Tönen um? Muss ich als Journalist immer eine Akkreditierung haben, wenn ich in ein Land reise, das die Pressefreiheit und damit die Möglichkeiten der Berichterstattung erheblich eingeschränkt hat? Und was bewirkt die Auslandsberichterstattung überhaupt? Dabei wurden viele spannende Aspekte angeschnitten. Zum Beispiel, dass Weniger oft mehr ist: Stichwort „Michelangelo-Prinzip“. Erst dadurch, dass Michelangelo beim Bearbeiten des rohen Steins Mamor entfernt hat, formte er die Statue des David mit all ihrer Schönheit und Eleganz des athletischen Körpers. Ähnliches gilt auch fürs Fernsehen: Man muss den Inhalt auf das Wesentliche reduzieren.

Wichtig auch: Bestimmte Bilder deuten zu können, richtig zu interpretieren und sich nicht manipulieren zu lassen. Das Seminar hat viele Ansätze zum Nachdenken geliefert und die Sinne für die Auslandsberichterstattung weiter geschärft. Vor allem hat es deutlich gemacht: Eine objektive Berichterstattung kann es nicht geben. „Man kann versuchen objektiv zu berichten“, so Hörfunkjournalistin Bettina Marx, „aber man bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen Journalist und Missionar“. Deshalb lautet Eva Corells Tipp: „Allen gerecht werden kann man sowieso nicht. Meiner Meinung nach sollte man sich vor allem bemühen, ausgewogen und wahrheitsgemäß zu berichten. Und Dinge immer wieder zu hinterfragen.“ Eine Maxime, die nicht nur für das Ausland gilt.

Text und Bilder: Pauline Tillmann

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