Das Fantasiemedium

Eine Audio-Slide-Show, das ist ein einfaches Mittel, um Fotos mit ein paar gesprochenen Erklärungen mehr Pfiff zu verleihen. Stimmt nicht, sagt Matthias Eberl. Der 35-jährige Multimedia-Journalist entwirft ausgezeichnete Audio-Slide-Shows und zeigt, wie man an das neue Medium herangeht, welches Potenzial es hat und warum es keinesfalls ein Video ist.

„Es ist kein Genre, es ist kein Format – es ist ein neues Medium“, meint Matthias Eberl. Er spricht im Münchner PresseClub über Audio-Slide-Shows und gut zwanzig Journalisten der Fachgruppen Online und Junge diskutieren mit. Eberl, der seine Audio-Slide-Shows unter anderem für sueddeutsche.de produziert, erklärt seine Arbeit Schritt für Schritt.

Für seine Audio-Slide-Show über die Münchner Szene-Kneipe „X-Cess“ wurde Matthias Eberl mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet.

„Man braucht immer zwei Termine“, sagt er. Beim ersten macht man zum Beispiel einen Rundgang, holt sich die Töne. Beim zweiten Besuch entstehen gezielt die Fotos zur Geschichte. „Falls jemand nicht gleich erzählen mag, geht es auch umgekehrt“, ergänzt Eberl. „Man legt die Fotos vor und lässt die Leute beschreiben“. Auch nach alten Fotos zu fragen, kann die Ausbeute bereichern. Etwa 30 bis 50 Fotos kommen in eine Audio-Slide-Show.
Dabei haben die Bilder drei Funktionen: sie müssen Räume, Objekte und Schlüsselmomente zeigen. Ziel ist nicht nur Ästhetik, sondern auch, eine Geschichte zu erzählen. Hier hat die Audio-Slide-Show andere Möglichkeiten als der Film. „Im Video herrscht der Zwang, ein Ergeignis zu zeigen“, sagt Eberl. „Bei der Audio-Slide-Show kann man auch leere Räume zeigen, es gibt dann einen Bühneneffekt. Ich erzähle Geschichten in den Raum hinein.“ So werde die Audio-Slide-Show zum Fantasiemedium, weil die Vorstellung des Lesers angeregt wird. Wichtig sind Sprechpausen, während derer Geräusche die Stimmung stützen.

„Ich bin ein Eigenbrödler“, sagt Eberl von sich selbst.

Mit Musik arbeitet Eberl selten, da es sehr aufwändig und wegen der Urheberrechte zudem teuer sei. „Vorsichtig sollte man auch mit Effekten wie Zoomen sein“, rät der Multimedia-Journalist. In wenigen Fällen, wie zum Beispiel beim Ortswechsel, kann es sinnvoll sein, Aus- und Einzublenden. Die Audio-Slide-Show schließlich mit einem Video zu kombinieren, funktioniert nach Eberls Erfahrung nicht. Zu viele Brüche entstehen. „Es ist fast enttäuscht, wenn nach bewegten Bildern wieder starre Fotos kommen.“ Doch nicht nur die Dynamik, auch die Erzählzeit unterscheidet sich. „Fotos tragen Vergangenheit, der Film sagt: ‚ich bin mittendrin’“.
Wenn die Audio-Slide-Show so viel kann, warum gibt es dann in Deutschland nur ein gutes Dutzend Journalisten, die sie professionell umsetzen? Es ist vor allem ein Missverhältnis zwischen dem hohen Aufwand und der Bezahlung. So sagt auch Eberl: „Leben könnte ich davon nicht.“

Text und Fotos: chp

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