Geisteshaltung, bitte!

Der Journalist als Unternehmer, als Marke und auf Augenhöhe mit dem Publikum – so wurde er bei der DJV-Fachtagung „Besser Online“ am 9. Oktober in München gefordert. Außerdem ging es um Urheber- und Leistungsschutzrecht, Social Media und die allgegenwärtige Frage nach der Finanzierung von Journalismus im Netz.

„Das Verhältnis stimmt einfach nicht mehr“, ärgert sich Robert Schweizer. Er ist Jurist und kämpft für den Verlag Hubert Burda für das Leistungsschutzrecht. „Google verdient an der Arbeit der Journalisten und Verlage und muss deshalb einen Beitrag leisten“, sagt er und gibt damit die Richtung des Eröffnungspodiums bei „Besser Online 2010“ vor. Über 200 Online-Journalisten sind  zu der Tagung ins Funkhaus des Bayerischen Rundfunks (BR) gekommen und sehen dort, wie sich Ralf Bremer, Pressesprecher von Google Deutschland, um klare Antworten drückt.

Jochen Wegner (l.) und Robert Schweizer

Seine Firma wolle „ein guter Partner der Verlage sein“. Neben ihm sitzt Jochen Wegner, der scheidende Chefredakteur von Focus-Online. Er glaubt, man führe eine Stellvertreterdebatte. „Eigentlich geht es um Googles Macht. Niemand wird vom Leistungsschutzrecht besser leben können.“ Die Frage, wie Journalisten künftig im Internet Geld verdienen, beantwortet er so: „Sie müssen stärker unternehmerisch denken.“ Journalisten sollen zu Marken werden. Aber wie macht man das?

Steffen Leidel, Christian Jakubetz und Markus Hündgen (v. l.)

„Durch das Internet wird man als Marke unabhängig von Sender oder Verlag“, sagt Journalist und Blogger Dorin Popa bei der Diskussion zum Thema. Im Netz seien für Einzelne viel größere Reichweiten möglich als früher. Dass Selbstvermarktung über das Web funktioniert, zeigt Christian Jakubetz, Geschäftsführer von imfeld media. „Etwa 60 Prozent der Besucher meiner Blogs kommen von Facebook oder Twitter“, erzählt er. Über seinen Blog wiederum erhalte er häufig Aufträge. „Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Gäbe es das alles nicht, wäre meine ökonomische Lage viel schlechter.“

Hans Helmreich (l.)

Von einem geregelten Acht-Stunden-Arbeitstag müsse man sich jedoch verabschieden. „Anschlusskommunikation ist wichtig, denn Social Media sind keine bloßen Linkschleudern.“ Dass sich die Grenzen zwischen Privatem und Beruf dabei auflösen, sei kein Nachtteil. „Content wird am besten verkauft, wenn das Leute sind, die auch ein Leben haben“, berichtet Katrin Scheib, Chefin vom Dienst bei DerWesten.de. „Nur als ganzer Mensch können Sie zu einer Marke werden.“ Popa ergänzt, dass Marken stets polarisieren und man Kritik in Kauf nehmen müsse.

Der sieht sich auch Hans Helmreich, Leiter der BR-Onlineredaktion, ausgesetzt, als er beim Crossmedia-Podium von „Hörerbeteiligung“ spricht. „Es geht nicht darum Leute zu beteiligen, sondern um aufrichtige Kommunikation“, belehrt ihn Christian Jakubetz. „Videopunk“ Markus Hündgen stimmt ein: „Viele große Medienhäuser erkennen nicht, was das Internet ist: ein Kommunikationsmedium auf Augenhöhe.“ Das Grundproblem sei, dass Journalisten sich nicht öffnen wollen. „Crossmedia ist nicht Handwerk, sondern eine Geisteshaltung.“

Während Helmreich einwirft, man müsse Aufwand und Nutzen kalkulieren glaubt Hündgen, dass man gerade im Crossmedialen auf Premium setzen müsse. Ein Konzept hierfür skizziert Online-Trainer Steffen Leidel. „Die Zukunft ist Teamarbeit von Leuten, die in mehreren Medien denken können, aber nur für eines verantwortlich sind.“ Online sei dabei „von der Neben- zur Überkategorie“ geworden. Danach erklärt Jakubetz, Crossmedia bedeute auch, den Nutzer zu begleiten. „Es darf nicht heißen wir machen auch das, sondern wir sind eine Medienmarke und sind da, wo du gerade bist.“

Richard Gutjahr

Ein Medium, das dies möglich machen soll, sind Tablet-Computer. Moderator Richard Gutjahr warnt jedoch davor, die derzeitigen Anwendungen als ausreichend anzusehen. „Apps sind nicht das Ende der Fahnenstange“, sagt er und prophezeit: „Es wird sie in fünf Jahren so nicht mehr geben, sind eine Zwischenlösung auf dem Weg zu neuen Technologien.“

Karsten Wenzlaff

Auch beim Thema Micropayment, dem Bezahlen einzelner Onlinebeiträge mit Tools wie „Flattr“ oder „Kachingle“, zeigt sich noch Entwicklungsbedarf. Einzelne Artikel können damit zwar durchaus rentabel sein, erklärt Karsten Wenzlaff von vorwaerts.de. Dass die Einzelzahlungen aber auch in die Fläche wirken können, davon kann er seine Zuhörer nur bedingt überzeugen. „Erwarten wir wirklich die Rettung des Journalismus von einem Tool, bei dem 300 Klicks pro Monat den Spitzenplatz bedeuten?“, schreibt einer auf Twitter.

Dirk von Gehlen

Die Abschlussdiskussion zur Freiheit im Internet verliert sich ein wenig im Abstrakten. Klare Antworten werden kaum eingefordert und bleiben daher aus. Was mit Google und Netzneutralität begann, endete bei der Piratenpartei und dem Urheberrecht. Jetzt.de-Chefredakteur Dirk von Gehlen fordert eine „digitale Bürgerrechtsbewegung“.

Thomas Mrazek

Und bevor Thomas Mrazek, Vorsitzender der Fachgruppe Online im DJV, die Teilnehmer verabschiedet und es zur Nachbesprechung in den Augustinerkeller geht, sagt Google-Sprecher Ralf Bremer doch noch einen Satz, der sofort von vielen online zitiert wird. Auf die Aufforderung, seine Notizen in der Schlussrunde kurz zusammenzufassen, erwidert der Vertreter des oft für seine Privatsphären-Politik gescholtenen Internetkonzerns: „Meine Notizen offen vorlesen? Soweit kommt’s noch.“

Text und Fotos: Christian Pfaffinger

8 Antworten to “Geisteshaltung, bitte!”

  1. pjebsen Says:

    Du schreibst: >> „Google verdient an der Arbeit der Journalisten und Verlage und muss deshalb einen Beitrag leisten“, sagt [Robert Schweizer] und gibt damit die Richtung des Eröffnungspodiums bei „Besser Online 2010“ vor. Über 200 Online-Journalisten sind zu der Tagung ins Funkhaus des Bayerischen Rundfunks (BR) gekommen und sehen dort, wie sich Ralf Bremer, Pressesprecher von Google Deutschland, um klare Antworten drückt. <<

    Um welche Antworten hat sich Ralf Bremer deiner Meinung nach gedrückt?

    Ich wies als Moderator des Eröffnungspodiums auf die Tatsache hin, dass "Fair Share" an den Werbeeinnahmen von Google News 0 Prozent bedeuten würde, da Google News derzeit nicht vermarktet wird. Auf Nachfrage sagte mir Ralf Bremer, er wisse nicht, ob in Zukunft eine Vermarktung geplant sei.

    Mir ist daher nicht klar, wodurch Google auf eine urheberrechtlich oder sonstwie juristisch bedenkliche Art und Weise an der Arbeit von Journalisten und Verlagen verdient.

    • bjvjungblut Says:

      Hallo Peter,

      ich dachte dabei nicht an Google News, sondern daran, dass journalistische Inhalte – auch solche, die über die Anbietersite kostenpflichtig wären – über die Google Trefferliste kostenlos gefunden werden können. Mir wurde nicht klar, wie die „gute Partnerschaft“ konkret aussehen könnte, wie und mit welchen Verlagen (beziehungsweise deren Vertretern) Google spricht, ob es schon Ansätze für Modelle gibt und ähnliches. Außerdem vermisste ich die Antwort auf die Frage, wie der Journalist miteinbezogen wird. Ich habe nur gehört, dass er „wieder ernst genommen werden muss.“

      Dass Google auf bedenkliche Weise an den Verlagen verdient, habe ich eigentlich nicht geschrieben. Ich habe Herrn Schweizer zitiert, der sagt, dass sie es tun (ohne bedenklich). Das gab meiner Meinung nach die Richtung vor, weil danach sehr viel darüber gesprochen wurde, wer an wem was verdient. Sehe ich das falsch?

      Viele Grüße
      Christian Pfaffinger

      • pjebsen Says:

        Hallo Christian, den Status quo (dass andere ihrer Meinung nach auf der Grundlage von Verlagsleistungen Geld verdienen) scheinen die Verleger schon bedenklich zu finden. Wenn sie derzeit ihre Rechte nicht verletzt sähen, gäbe es für sie keinen Grund, von Google und/oder geschäftlichen Internet-Nutzern eine Leistungsschutzabgabe zu verlangen.

      • bjvjungblut Says:

        Hallo Peter,
        richtig, darum habe ich Robert Schweizer auch mit seiner Aussage zitiert, dass Google an der Arbeit der Verlage verdient und deshalb seinen Beitrag leisten muss.
        Ich glaube, ich habe Deinen Einwand an dieser Stelle falsch verstanden – oder meinen wir wirklich das gleiche. 😉
        Beste Grüße
        Christian

  2. Ralf Bremer Says:

    Lieber Herr Jungbluth,
    interessant, dass sie Googles Position zu vielen wichtigen Fragen ausgerechnet durch einen Scherz meinerseits zu belegen versuchen, der Rest des Münchner Publikums hatte diesen im Übrigen auch so verstanden. Sollten Sie sich für eine Abschrift meiner Notizen vom Samstag interessieren, sende ich Ihnen diese gerne zu.
    Mit besten Grüßen
    Ralf Bremer

    • bjvjungblut Says:

      Lieber Herr Bremer,

      ich wollte mit dem Zitat Ihres Scherzes keineswegs einen Beleg liefern, sondern lediglich die Ironie aufgreifen, mit der die Aussage im Saal aufgenommen wurde. Ich hatte aber das Gefühl, dass die spontane Äußerung auch dort nicht als Bekenntnis gewertet wurde. Vielmehr war es, wiederum nach meiner Einschätzung, schlicht eine nette kleine Pointe, die heiter aufgenommen, aber nicht überbewertet wurde. Sehen sie diesen Aspekt der Ironie in meinem Artikel zu wenig hervorgehoben?

      Ihre Aufzeichnungen würden mich – falls das ein ernst gemeintes Angebot war – tatsächlich interessieren. Falls Sie mögen, freue ich mich, sie an bjvjungblut@googlemail.com zu erhalten.

      Mit besten Grüßen
      Christian Pfaffinger

  3. Besser Online - Wir sind nur auf dem Weg und noch lange nicht angekommen! #djv_bo | Lerg Media Says:

    […] Jungblut: Geisteshaltung bitte! […]

  4. Besser online Geld verdienen | stk Says:

    […] 11.10., 1332: Noch mehr Berichte bei bjvjungblut, Gulli.com, Ulrike Langer, Hardy Prothmann und Inge Seibel (mit […]

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