Glanz und Gloria beim Petersburger Dialog

In diesem Jahr hat Pauline Tillmann (Reporterin und Autorin für Radio / TV) den Peter-Boenisch-Gedächtnispreises des Petersburger Dialogs gewonnen. Ausgezeichnet wurde ihre Nahaufnahme (Bayern2) vom 3. November 2009 zum Thema „Zwischen Kopftuch und Ikone – von der Renaissance des Orthodoxen Glaubens in Russland“. Für die offizielle Preisverleihung wurde sie nach Jekaterinburg eingeladen. Hier ihr Erfahrungsbericht. 

Die Russen haben sich richtig ins Zeug gelegt, das muss man sagen. Beeindruckt von der Gastfreundschaft und dem Aufwand, den sie betrieben haben, einige kurze Ausführungen zum Petersburger Dialog 2010 in Jekaterinburg. Angekommen sind wir am Dienstagmorgen (12. Juli) um 7 Uhr nach einem vierstündigen Flug und einer ebenso langen Zeitverschiebung. Auf dem Programm standen unter anderem Frühstück mit der Generalkonsulin, Besuch eines neu erbauten orthodoxen Klosters und ein Kinobesuch. 

Und ich muss sagen, der Kinobesuch hat uns alle sehr erschüttert – mich wohl im Besonderen. Der Regisseur Nikita Michalkow hat vor 15 Jahren für den ersten Teil seines Films „Utomljonnyje solnzem“ (Die Sonne, die uns täuscht) den Oskar für den besten fremdsprachigen Film bekommen. Entsprechend wird er heutzutage in Russland verehrt. Das Problem am zweiten Teil: Es gab weder eine Geschichte noch eine konkrete Handlung noch einen Spannungsbogen. In der ersten Stunde wurden ausschließlich Szenen gezeigt, in denen Russen im Zweiten Weltkrieg von deutschen Fliegerbombern kaltblütig erschossen wurden. Nach einer Stunde ging ich vor die Tür, weil ich die Brutalität und die Grausamkeit des Films nicht ertragen konnte – insgesamt ging die Tortur zweieinhalb Stunden. Die drängendsten Fragen lauteten: Warum so ein Film im Jahr 2010? Gab es in den letzten 65 Jahren nicht schon genug Kriegsfilme, die die Abscheulichkeiten zur Genüge dargestellt haben? Und haben wir, die junge Generation, nicht mit ganz anderen Problemen zu kämpfen als mit der Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges? Michalkow sieht das anders. Er hat diesen Film nach eigenen Angaben gemacht, um auf die Grausamkeit des Krieges aufmerksam zu machen. Ob das in dieser Brutalität erfolgen muss und vor allem gerade jetzt, bleibt mehr als fraglich. In jedem Fall hat der Film für viel Gesprächsstoff gesorgt, auch beim Empfang im Anschluss. Bemerkenswert ist auch, dass die Russen ähnlich skeptisch sind – denn: der Film floppte als er vor einigen Monaten in die Kinos kam. 

Auf der Podiumsdiskussion am nächsten Tag mit Regisseur Michalkow (Präsident des russischen Kulturfonds) und Herrmann Parzinger (Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz) wurde viel über die gemeinsame Geschichte der Deutschen und Russen gesprochen und dass das besondere Verhältnis der beiden Völker vielleicht sogar deshalb so eng ist, weil wir uns gegenseitig die schlimmsten Grausamkeiten angetan haben, die man sich vorstellen kann. So sieht das jedenfalls Star-Regisseur Michalkow. 

Copyright Wolfgang Korall

Im Anschluss wurde dann der Peter-Boenisch-Gedächntnispreis verliehen. Die Laudatio auf mich hielt Jost Springensguth, der als Journalist vor allem im lokalen Ruhrgebiet bekannt ist. Der Preis wird jedes Jahr an einen deutschen und an einen russischen Nachwuchsjournalisten vergeben. Voraussetzung: Man muss durch seine journalistische Arbeit zum Gegenseitigen Verständnis von Deutschen und Russen beitragen. Mit meiner Nahaufnahme zum Thema „Von der Renaissance des Orthodoxen Glaubens in Russland“ habe ich das wohl getan. In der Begründung heißt es: „Pauline Tillmann schildert in einer Mischung aus Reportage-Elementen und Hintergrundinformationen die christliche Grundlage und Gegenwart und das Verhältnis des orthodoxen Glaubens zum Alltagsleben sowie zur Politik und Staat in Russland.“ Ich habe kurz etwas zu meinen Recherchen erzählt und erklärt, dass mir dieser erste große Journalistenpreis besonders viel bedeutet. Er ist eine Anerkennung und Bestätigung für meine bisherige Arbeit. Er motiviert mich aber vor allem auch weiter im Bereich von Russland zu machen, das heißt meine Sprachkenntnisse zu verbessern und mehr zu machen als zwei Recherchereisen im Jahr. Von russischer Seite teilen sich Natalja Sojnowa aus Kranosjarsk und Dmitiri Woronkow aus Saratow. So beschäftigt sich zum Beispiel Sojnowa in ihrem Beitrag „Nach Berlin mit den historischen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland. 

Copyright Wolfgang Korall

Info: Peter-Boenisch-Gedächtnispreis 

Mit dem Peter-Boenisch-Gedächtnispreis zeichnet der Petersburger Dialog junge Journalisten aus, die durch eine sachgerechte und lebensnahe Darstellung des Lebensalltags im jeweils anderen Land zum besseren Verständnis zwischen Deutschen und Russen beitragen. In den drei Kategorien Print/Internet, Hörfunk und Fernsehen wurden seit 2006 abwechselnd deutsche und russische Journalisten unter 35 Jahre mit dem Preis ausgezeichnet. In diesem Jahr wird es jeweils einen russischen und einen deutschen Preisträger geben. Die Verleihung der mit 2.000 Euro dotierten Auszeichnung findet im Rahmen der Hauptveranstaltung des Petersburger Dialogs statt. Neben dem Preisgeld erhalten die Preisträger die „Silberne Feder“, einem Füllfederhalter mit Preisgravur. Die Jury bilden deutsche und russische Medienvertreter und Redakteure namhafter Medien wie dem NDR Fernsehen, dem Deutschlandfunk und der BILD-Zeitung. Der Preis wird im Gedenken an den 2005 verstorbenen großen Journalisten Peter Boenisch (1927-2005) verliehen, der sich als Gründungsvorsitzender des Petersburger Dialogs mit viel Engagement für die Verständigung zwischen Russen und Deutschen, besonders für die junge Generation, eingesetzt hatte. 

Nach der Preisverleihung teilten sich die 200 russischen und deutschen Teilnehmer dann in acht Arbeitsgruppen auf: Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Bildung, Kultur, Medien und Kirche. Am Abend gab es wiederum eine Einladung zum Essen im Stadttheater mit entsprechenden folkloristischen Einlagen. Das ist auch das Besondere gewesen für mich: Die vielen informellen Gespräche, sei es als wir vom Hotel zur Boris-Jelzin-Universität gefahren wurden (wo der Dialog im Wesentlichen stattfand) oder dass man am Abend gemeinsam ein Glas Wein getrunken hat. Es gab viele Gelegenheiten mit interessanten Menschen ins Gespräch zu treten, egal es Bundestagsabgeordnete verschiedenen Couleurs, Abgesandte von politischen Stiftungen, andere Journalisten oder NGO-Aktivisten. 

Und am Donnerstag wurden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen im großen Plenum vorgestellt, was aber nicht das Spannendste an diesem Tag war. Naturgemäß war das viel eher der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew. Beide haben kurz die Ergebnisse ihrer Regierungskonsultationen ausgeführt, sich ansonsten nett zugelächelt und in einem Ausstellungsprospekt geblättert – was natürlich vor allem von den Kameraleuten und Fotografen gierig aufgenommen wurde. Überhaupt war das Medieninteresse von russischer Seite extrem hoch, ständig waren gut ein Dutzend Kameras aufgebaut, überall hörte man das Klicken von Fotoapparaten und immer wieder wurden Interviews gegeben. Diese Bilder sind wichtig, denn vor allem für die russische Seite hat dieser Petersburger Dialog 2010 eine große Symbolkraft. Auch wenn am Ende nicht so viel dabei herauskommt, will man damit – meinem Eindruck nach – signalisieren, dass man eine besondere Partnerschaft pflegt und um Dialog / Austausch bemüht ist. Und auch wir Deutschen sollten uns immer wieder bewusst machen, dass es sich bei Russland (noch) nicht um eine Demokratie handelt. Und dass es deshalb unsere Aufgabe ist, bei Veranstaltungen wie diesen auf Probleme und Missstände hinzuweisen – das Gespräch aber gleichzeitig auf Augenhöhe und respektvoll zu führen. Alles andere wäre unfair, denn die Russen haben sich mal wieder richtig ins Zeug gelegt. 

Artikel: Pauline Tillmann

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