Input, Informationen und interessante Gespräche

Ein Flug von Nürnberg nach Hamburg, Gepäck einschließen am Hauptbahnhof, eine 30-minütige U-Bahn-Fahrt, ein 10-minütiger Fußmarsch, eine Teilnahmegebühr von 60 Euro (bzw. 100 Euro für Nichtmitglieder) – der Weg zur diesjährigen netzwerk-recherche-Jahreskonferenz ist kein Spaziergang. Und wenn man aus dem Süden Deutschlands nach Hamburg anreist auch nicht gerade kurzweilig. Aber: Die Konferenz entschädigt für alles. Denn hier gibt es eine geniale Mischung aus Input, Informationen und interessanten Gesprächen.

Da ich (Pauline) nur den zweiten Tag (10. Juli) mitbekommen habe, kann ich auch nur davon berichten. Aber: EIN Tag ist besser als KEIN Tag. Das Thema in diesem Jahr „Fakten für Fiktionen – wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen“. Es wurde also der seltsame Zwang unter die Lupe genommen – von Seiten der Redaktion – zu allem und jedem Experten herzunehmen. Mehr noch: Das Mysterium zu untersuchen warum immer die gleichen Experten ausgewählt werden und was man stattdessen machen könnte.

Die erste Veranstaltung, die ich besucht habe, hatte damit nur bedingt zu tun. Es ging um Interviews und die Recherche dafür. Auf dem Podium: Markus Grill vom Spiegel (Interviewer) und Arno Luik vom Stern (Interviewte). Beim Magazin führt Luik längere Gespräche, die im Stern über mehrere Seiten gedruckt werden und bei denen es sich vor allem um politische Persönlichkeiten handelt.

Interessant ist die Vorbereitung von Luik: „Ich lese alles über denjenigen und destilliere dann das Wesentliche heraus. Vor allem will ich Stereotype durchbrechen, deshalb interessiere ich mich nicht für Fassaden, sondern für Risse und Brüche.“ Bums. Genau so stelle er das auch im Vorgespräch klar, erklärt er. Schließlich wolle er Lebendigkeit, einen umgangssprachlichen Grundton und sein Gegenüber als Menschen kennenlernen – „und nicht als Sprechpuppe“. Deshalb solle auch jedes Gespräch einen Erkenntnisgewinn bringen und neue Facetten der Persönlichkeiten zum Vorschein bringen. Außerdem habe er eine gewisse Haltung, wenn der in das Gespräch gehe. „Ich habe Vorurteile, aber ich bin vor allem neugierig und: Es kann richtig unangenehm werden.“ Arno Luik vergleicht seine Interviews mit einem Boxkampf, bei dem er dem Gesprächspartner auch Schmerzen zufüge. „Ich bin konfrontativ, widerspreche und habe Lust zu ringen – und wenn ich Glück habe lässt sich mein Gegenüber auf so einen Kampf ein.“ Das Gespräch könne demnach auch über mehrere Stunden andauern, wie das mit Martin Walser, das er erst nach zehn Stunden beendet hat.

Man müsse den Interviewten überraschen und den Eindruck vermitteln, dass man mehr wisse als die Person selber über sich weiß. Hilfreich seien da vor allem Gespräche mit Wegbegleitern, so dass er auch mal eine Recherchereise unternehme und sich einfach mit Leuten unterhalte. „Durch die gründliche Vorbereitung mache ich klar, dass ich Respekt vor meinem Gegenüber habe und das funktioniert, den nur so werde man ernst genommen.“ Seine Methode fasst er demnach auf die Formel „streicheln und kratzen“ zusammen. Er schreibe sich seitenlang Fragen auf, lerne sie aber unmittelbar zuvor auswendig. Zitate lägen auch bereit, wenn man sie bräuchte. Und die wichtigste Frage laute aus Arno Luiks Sicht: Was beschäftigt den Interviewten im Moment? Gemäß dem BBC-Motto „to inform, enlighten, entertain“ muss die erste Fragen knallen und provozieren und vor allem: Den Menschen öffnen.

Beim zweiten Panel, das ich besucht habe, ging es um „Was können wir von investigativen TV-Journalismus aus den USA lernen?“. David Crawford arbeitet als investigativer Korrespondent des Wall Street Journals in Berlin und hat ausführlich geschildert, wie die letzte investigative Recherche (Untreue + Hewlett Packard) ablief. Manchmal etwas zu ausführlich, nicht zuletzt weil Moderator Sebastian Heiser (taz) so etwas wie eine Gesprächsführung in weiten Teilen vermissen ließ. Das Problem war auch, dass die eigentliche Frage der Veranstaltung nicht beantwortet wurde bzw. Crawfords Antwort am Schluss lautete: „Deutscher und amerikanischer investigativer Journalismus unterscheidet sich gar nicht so stark.“ Man müsse von außen nach innen recherchieren, man müsse durch Handelsregister etc. an die Namen der Beschuldigten kommen, man müsse Beteiligte und Beobachter befragen, man müsse seine Recherchen vor Gericht verwertbar machen (Antwort immer schriftlich einfordern) und man sich keinem Zeitdruck aussetzen dürfe. Und man müsse sich mit Informanten direkt treffen. Alles nichts Neues. Vor allem nachdem Crawford mit seiner Formulierung „Recherche wird in der Freizeit gemacht“ das Publikum doch sehr verwirrt hat. Schließlich wird er als investigativer Korrespondent dafür bezahlt die Recherche auch in seiner Arbeitszeit zu erledigen. Im anschließenden Gespräch hat er mir dann erklärt, dass er gemeint habe MEHR zu machen als gefordert ist. Und dass man viele Recherchen über das Reguläre hinaus in seiner Freizeit erledige – „und dass hier die wirklich interessanten Geschichten entstehen“.

Nach dem Mittagessen wurde dann die „Verschlossene Auster“ verliehen, der Preis für die schlechteste Informationspolitik des Jahres. Und bekommen hat sie die katholische Kirche. Heribert Prantl, Leiter der Redaktion Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung, hat die Laudation darauf gehalten. Und es war eine großartige, inspirierende Laudatio. Prantl versteht es mit Worten umzugehen wie kaum ein anderer, egal ob geschrieben oder gesprochen. Er versteht es sein Publikum in den Bann zu ziehen, es auf eine Reise mitzunehmen durchsetzt von Fakten und Formulierungen. Und damit nicht zuletzt zu unterhalten. Ich kann dazu nur sagen: Chapeau! Und: Lest euch den Abdruck der Rede in der SZ nach.

Parallel zur „Verschlossenen Auster“ hat Georg Mascolo gesprochen. Der Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ hat wie auch im Jahr zuvor interessant Stellungnahmen abgegeben. Unter anderem findet er dass der ehemalige Bundespräsident Köhler eine Erklärung schuldig ist – und hat das dann auch entsprechend argumentiert. Zum Erfolgsgeheimnis des Spiegels wollte er sich nicht so richtig äußern, meiner Einschätzung nach ist das eine Kombination aus vielen guten Schreiber, aber vor allem auch guten Rechercheuren und unzähligen Kontakten bis in die höchsten Ebenen. An die anwesenden Journalisten gab er den Tipp mehr zu recherchieren, mehr zu machen als andere. Das zahle sich zwar nicht sofort aus, aber langfristig auf jeden Fall. Dass andere Medien wie die Welt, der Stern und bald auch die WAZ-Gruppe so etwas wie einen Reporterpool haben – und mit ihren Recherchen nicht zuletzt in Konkurrenz treten zum Spiegel – sieht Mascolo nach eigenen Aussagen ganz entspannt, mehr noch er fühlt sich dadurch „inspiriert“.

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