Quo vadis Onlinejournalismus? Podiumsdiskussion zum Thema Zukunft des Journalismus im Internet

Crossmedia lautet das Schlagwort. Und es meint: Die Revolution in der Medienbranche hat längst begonnen. Während immer mehr Zeitungen, vor allem in den USA, sterben, gewinnt das Internet an Einfluss und Bedeutung. Der Grund: Es liefert nicht nur Text, sondern auch Audio, Video, interaktive Grafiken und sogar alles zusammen in Form von Audio-Slide-Shows. Doch wohin führt diese Entwicklung? Quo vadis Onlinejournalismus? So die zentrale Frage bei einer Podiumsdiskussion am 19. Mai, zu der die Fachgruppe Junge, der Bezirksverband Augsburg-Schwaben sowie der Lehrstuhl für Digitale Medien der Universität Augsburg geladen hatten. Einer der Referenten war Bernd Oswald, der unter anderem Unternehmen bei crossmedialen Medienprojekten berät und vorher lange Zeit bei sueddeutsche.de war. Der zweite Referent war Ulrich Brenner, der seit 2002 die Deutsche Journalistenschule (DJS) leitet und seit einigen Jahren „einen neuen Schwerpunkt auf Onlinejournalismus setzt“. Pauline Tillmann, Hörfunk- und Fernsehjournalistin beim Bayerischen Rundfunk und Vorsitzende der Fachgruppe Junge moderierte die Veranstaltung.

„Das Berufsbild des klassischen Printjournalisten wird es nicht mehr geben“, da sind sich Bernd Oswald und Ulrich Brenner einig. Die Branche stehe vor einer Veränderung, die momentan schwer einzuschätzen sei. Und trotzdem versuchten sie sich einer solchen anzunähern. Bernd Oswald stellte fünf Thesen vor, die die Entwicklungsperspektive beschreiben und zukünftigen Journalisten als Orientierung dienen können.

1.Das Internet wird das entscheidende Trägermedium für Print, Radio und Fernsehen

„Das Internet kann alles sein“, so Oswald und ermögliche eine moderne Verbindung von Text mit Audio und Video. Zwar werde es Print, Fernsehen und Radio in Zukunft noch geben, versichert Oswald, „allerdings werden sie den Hintergrundbericht liefert, nicht mehr die pure Nachricht“.

2. (Online-) Journalismus wird zu Prozessjournalismus

Bestehe die heutige journalistische Arbeit mehrheitlich noch aus tagesaktuellen Themen, würden in Zukunft Artikel nicht fertig gestellt, sondern von Autoren und Lesern weiterentwickelt werden. In Foren entwickle sich schon jetzt eine weit greifende Interaktion mit den Konsumenten. Dieser Prozess, so Oswald, werde in nächster Zeit „immer wichtiger werden“. Der Journalist könne die Reaktion der Leser direkt mit verfolgen, wenn nötig nachrecherchieren und seine Arbeit korrigieren oder auch einen weiteren Nutzen ziehen und sich  „Anregungen für neue Themen“ holen. Nach Oswald seien in Zukunft besonders Kommunikations- und Kritikfähigkeit gefragt, um trotz der Entwicklungen bestehen zu können.

3. Die Zukunft des Journalismus ist (hyper-)lokal

Nach Oswald entwickeln sich journalistische „Nischen auf lokaler Ebene“. Ein Beispiel dafür sei  der  „Heddesheimblog“ (http://heddesheimblog.de/). Die Leser würden dazu neigen sich Online zu informieren was im unmittelbaren Umfeld passiere. Das „Zeitungssterben“ vor allem im Lokalen sei ein Merkmal dieser Entwicklung. In Zukunft werden laut Oswald immer mehr dieser Lokaljounalismus-Portale entstehen.


Crossmedia-Stratege Bernd Oswald

4. (Unternehmerischer) Journalismus wird mit einem Finanzierungsmix bezahlt

„Es herrscht eine Kostenloseinstellung“ im Internet, so Oswald. Gerade deshalb sei die Frage nach der zukünftigen Finanzierung so wichtig. Oswalds Einschätzung nach werde der Onlinejournalismus in Zukunft zum Einen aus Anzeigenverkäufen oder wie in den USA durch Stiftungen finanziert. Und zum Anderen durch „Micropayments“, also Kleinstbeträgen, die sich auf bestimmte Ressorts oder gar einen speziellen Artikel beziehen. Dadurch könne der Leser flexibel und individuell entscheiden für welches Angebot er bereit ist zu bezahlen. Unter „unternehmerischem Journalismus“ versteht Oswald, dass sich die Journalisten verstärkt selbstständig machen müssen. Schon jetzt würden die „klassischen Karrieren“ mit langer Festanstellung bei einem Medium selten werden und die Anzahl der „befristeten Verträge“ steigen. Bei solchen Entwicklungen sei die Kompetenz für multimediales Arbeiten besonders wichtig.

5. Multimediales Arbeiten üben!

„Nicht jeder muss alles können, aber jeder muss wissen wie es funktioniert“, meint Oswald. In Zukunft werde sich multimedialer Journalismus vor allem aus Teams und Spezialisten zusammensetzen. Dafür sei vor allem Kommunikations- und Teamfähigkeit notwendig. „Die Geschichte muss so gut wie möglich dargestellt werden, und zwar auf allen Kanälen.“

Ulrich Brenner, Leiter der DJS, stimmte Oswald bei seinen Thesen zu. „Das Internet ist ein Medium, dass alles in sich vereint“, so Brenner. Die DJS habe den Anspruch für den Beruf als Journalist vorzubereiten. Durch die starken Veränderungen habe die Ausbildung an einer der renommiertesten und ältesten Journalistenschulen Deutschlands ihren Printschwerpunkt in den letzten Jahren deutlich verlagert. Nun sei auch Onlinejournalismus ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung – „Die Schüler sollen lernen in verschiedenen Mediengattungen zu denken.“ So erstellen die DJSler einmal im Jahr das Magazin FAST, inklusive Onlineausgabe „Fast Online“. Solche Projekte sollen den Journalistenschülern die Möglichkeit geben, sich praxisnah und unter Anleitung von Experten, auszuprobieren. An der DJS kann man sich für die Kompaktausbildung, die 15 Monate dauert, und den zweijährigen Masterstudiengang Journalismus bewerben. Bei beiden Ausbildungswegen wird alles durchlaufen: Print-, Online-, aber auch Fernseh- und Radiojournalismus. Brenner bezeichnet die Ausbildung selbst als „Ausprobier-Sandkasten“, der es den Journalistenschülern ermögliche für sich nach eigenen Fähigkeiten den Schwerpunkt zu setzen.

Pauline Tillmann und Ulrich Brenner

Ein weiteres erkennbares Phänomen im heutigen Journalismus sei, laut Brenner, die immer noch starke Trennung zwischen Onlineredaktion und Printredaktion. „Oft liegt das einfach an der traditionellen Einstellung des Chefredakteurs gegenüber den digitalen Möglichkeiten.“ Eine Verschmelzung der Print- und Onlineredaktion werde seiner Einschätzung nach vor allem durch eine neue Führungsgeneration eingeleitet, aber auch durch das Nachwachsen der so genannten „Digital Natives“ (Anm. d. R.: Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist).

Bernd Oswald glaubt: „Die Grenzen zwischen Print und Online verschwimmen heute schon zusehends.“ Die „Edelfeder“ entwickele sich zur Ausnahme. Die Mehrheit der nachwachsenden Journalisten müsste sich zum „crossmedialen Redakteur“ entwickeln, der in Bild und Ton genauso bewandert sei wie in Text und digitaler Aufbereitung. Und welche Fähigkeiten sollte man dafür haben? Brenner antwortet darauf, dass man keine Angst vor der Technik haben dürfe. Genauso wichtig sei aber, auch für Online, das journalistische Handwerk beherrschen zu können – „Das heißt einen komplizierten Sachverhalt einfach darstellen zu können, gut zu recherchieren und eine treffende Sprache zu finden.“

Zum Schluss sind sich beide Diskussionspartner einig: Die Umbrüche könnten noch lange Jahre dauern und niemand könne sagen wohin es genau geht. „Doch anstatt über die Veränderungen zu jammern“, so Moderatorin Pauline Tillmann, „muss man die Veränderungen als Chance begreifen und sich den Herausforderungen der neuen Zeit mutig stellen. Denn Onlinejournalismus bietet vor allem jungen Journalisten viele tolle Möglichkeiten.“

Text: Mirela Delic

Eine Antwort to “Quo vadis Onlinejournalismus? Podiumsdiskussion zum Thema Zukunft des Journalismus im Internet”

  1. Unternehmer + Journalist (Teil I) « IM WILLIAMS | I + M Says:

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